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Weihnachtsmärchen





Weihnachten, die Zeit des Jahres, in der man es sich Zuhause so richtig gemütlich machen kann. In warmer Wolldecke verpackt und mit Kakau und Weihnachtsplätzchen eingedeckt, kann man so richtig entspannt den Weihnachtsversen und Weihnachtssprüchen aus längst vergangenen Tagen lauschen.
Hier ein Märchen von Paul Eberhardt - Weihnacht-

Viel Freude beim Lesen


Weihnacht



Ich bin sehr müde, aber ich kann absolut nicht schlafen. Ich habe mir noch einmal Feuer im Ofen angemacht und meine Lampe gefüllt. Sternenklar ist draußen die Nacht. Da kam ich vor einer Stunde hier her. Alles schläft nun schon, sicherlich auch mein alter Schäfer, von dem Waldhüter möchte ich es nicht glauben, den hat es zu sehr mitgenommen. Gott, es war ihm ja auch ganz ungewohnt, nach über dreißig Jahren das erste Mal.

Das war eine prächtige kleine Edeltanne gewesen, die er besorgt hatte, und die, schon mit einem Fußgestell versehen, auf dem Tisch stand, als der Schäfer und ich bei ihm eintraten.Es war schon spät am Nachmittag, und wir waren beide ganz beschneid, denn unterwegs hatten uns heftige Schneewehen überfallen. Der Mann saß, als wir die Tür zu seiner Stube aufmachten, in seiner Ecke am Fenster und arbeitete tatsächlich noch an einem Weidenkorb. Aber nun hatte ich hier zu befehlen: "Seid Ihr des Teufels, Matthies, heut am Christabend zu arbeiten. Solche Unvernunft, hört Ihr nicht, wie Eure Finken schon schelten?" denn die zwitscherten, durch meine laute Stimme angeregt, darauflos. "Nun nehmt das Zeug jetzt weg", und ich gab dem Schäfer den halbfertigen Korb, raffte die Ruten von dem Boden auf, reichte sie dem Waldhüter, der sie wie mechanisch nahm, und schob dann beide zur Tür hinaus. "Geht nun doch draußen ein bisschen herum, ich rufe bald." Gott, kam ich mir wichtig vor. Dann habe ich das Bäumchen, so gut ich es konnte, geschmückt, möglichst viel Lichter darauf, das war dabei meine Tendenz, ganz hell sollte die Stube werden, darum streute ich noch, des Widerscheins wegen, ordentlich Lametta auf die Zweige und brachte dann einen großen Karton voll Naschwerk unter. Die kleinen Geschenke waren bald geordnet. In der Ofenröhre stand, wie dazu bestellt, ein großer Topf mit warmen Wasser, ich goß einen Teil ab und ersetzte ihn mit Punschessens. Und es war noch keine dreiviertel Stunde verflossen, da war alles fertig. Ein Glas und zwei Tassen fand ich im Schrank, Pfefferkuchen hatte ich selbst reichlich mitgebracht. So steckte ich die Lichter an und wahrhaftig, die Stube war ganz hell durch das Licht geweckt, wachten die Vögelchen im Käfig von neuem und vollends auf und begannen wieder zu zwitchern, als wäre es mitten im Frühling. Dann ging ich hinaus, um nach den beiden zu sehen. Ich fand sie nicht gleich. Doch dort standen sie am Waldrand eifrig miteinander redend. Wovon wohl? Neben dem Schäfer mit seinem breiten Hut und weiten Mantel mit dem großen Kragen der Waldhüter in einfachem Rock. Er hatte nicht einmal ein Mütze auf. Jetzt unterbrachen sie ihr Gespräch und blickten nach dem Himmel, wo über den kleinen Tannen der Mond eben aufging mit großer roter Scheibe. Der Schäfer blickte hochaufgerichtet nach dem leuchtenden Wunder, es lag etwas starres in seiner Gestalt und Haltung, mehr von unten herauf war das Gesicht des Waldhüters dem Gestirn zugekehrt, ich konnte die Züge des Mannes nicht sehen, sondern nur den gebeugten breiten Rücken und den Haarkranz um sein Haupt, das jetzt gerade vom Lichte getroffen wurde. Als fühlte er, dass ihn jemand beobachtete, wendete er seinen Kopf und erblickte mich. Ich rief, sie sollten kommen.

Langsam schritten sie heran. Der glitzernde Baum wartete auf sie. Ich trat hinter ihnen in die Stube ein. Sie staunten nicht auffällig bei dem doch ungewöhnlichen Anblick, wie ich es mir eigentlich ausgemalt hatte, sondern traten unbefangen in die Stube. Großartig war der Schäfer, der nahm, als ich ihm das Hauptgeschenk,eine Pfeife reichte, diese langsam entgegen und besah sie sehr genau und bedächtig. Er dankte nicht, sondern prüfte vorallem erst, und das so ernst und eindringlich, dass ich beinahe zu fürchten anfing, wenn sie die Prüfung nicht bestehe, würde er mir sie zurückgeben. Aber sie bestand. Den Tabak nahm er unbesehen, und als ich ihn darum bat, stopfte er sich gleich den Pfeifenkopf und zündete mit einem Fidibus das Zeug an. Jetzt sahen wir uns gleichzeitig nach dem Waldhüter um; weil er sich gar nicht bemerkbar gemacht, hatten wir ihn im Augenblick vegessen.

Er saß auf seinem Stuhl am Fenster, vornübergebeugt, die Hände im Schoß und blickte wie abwesend auf den leuchtenden Tannenbaum. Ich füllte und reichte ihm das einzig vorhandene Glas mit Punsch und bat ihn näherzukommen. Er wehrte mit einer Handbewegung ab.Auf dem Tisch lagen die Geschenke, die ich für ihn bestimmt hatte: eine Lodenjoppe und ein Paar Stiefel. Ich wagte nicht, ihm das jetzt zu zeigen, denn in seinen Augen war ein Ausdruck gekommen, der mich befangen machte und davon abhielt. Der Schäfer blies dichte Rauchwolke in die Luft und studierte einen Zettel, der dem Tabakpaket beigelegen hatte. Der Mann am Fenster, ich kann nicht sagen, der alte Mann, obwohl er es den Jahren nach war, er machte keinen gealterten Eindruck, es lebte etwas in diesem Körper, das ihn gespannt und stark erhielt, saß immer noch minutenlang in der gleichen Stellung. Mir wurde hilflos zumute, aber immer wieder musste ich nach seinen Augen sehen. Ich sah den ganzen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes sich in den dunklen Pupillen spiegeln, denn frei und weit waren sie dahin gerichtet. Blendete sie der Glanz? Ein feuchter Schimmer begann in ihnen zu blinken, quoll über, und zwei helle Tränen rannten ihm über die Wangen. Er trocknete sie nicht, sondern saß weiterhin unbeweglich da, auch als ihrer noch mehr wurden. Ich sah den Schäfer an, und der guckte, die bartlosen Lippen zusammengekniffen, die Augenbrauen hinaufgezogen, nach unserem Dritten hin.Und in dessen Gesicht begann es jetzt zu arbeiten. Das stille, unbewußte Weinen wollte zum Schluchzen werden, und nur mit Mühe hielt es der starke Mann zurück, seine breite Brust hob und senkte sich stürmisch. Aber es war mächtiger als er, und schluchzend, so tief, ach so tief, kam es heraus, und wahrhaftig, ich mußte mich schämen, dass mir dieser Gefühlsausdruck zunächst fast peinlich war, so wenig sind wir selbst ja dessen noch fähig und machen nur ein Wesen mit unseren sublimen Gefühlchen.

"Ich danke dir mein himmlischer Vater, ich danke dir durch deinen Sohn, unserem Herrn Jesum Christum, ich danke dir, mein himmlischer Vater, nun ist es heraus. Ganz heraus." Und er stand langsam auf mit einem Ausdruck in den Augen, als habe er ein Vision, er presste seine Hände ineinander und hob sie vor die Brust, wir beide anderen waren für ihn jetzt gar nicht da. "Ich danke dir, himmlischer Vater, ich . . . ich kann es jetzt fühlen, dass man auch ohne Hass sein kann. Ich dachte, ich Dummer, Dummer, dachte, es könnte gar nicht anders sein, das müsst immer an mir fressen. Ich bin's los, himmlischer Vater, es wird inschlafen, ich bin jetzt auf niemanden nich mehr böse. Verzeihe mir, himmlischer Vater, dass es so lange, so fürchterlich lange gedauert, ach es hat mi geplagt." Und er stöhnte auf, aus ganzer Brust, einen Augenblick gehörte alles diesem Aufatmen. Der Stein war fortgewälzt. Matt sank er dann wieder auf einen Schemel zurück und barg das Gesicht hinter den Händen. Der Schäfer und ich wagten kaum zu atmen. Er war in einem Allerheiligsten, von dem wenigstens ich weit entfert war.

Jetzt stand er langsam auf und ging, ohne uns anzusehen, hinaus. Ich wollte nach, weil ich irgendetwas befürchtete, aber der Schäfer fasste meinen Rockärmel und wehrte mit einem Schütteln des Kopfes ab. Nach einer Weile öffnete sich wieder die Tür, und er kam zurück. Seine Augen waren wie verklärt, um den Mund aber zuckte es noch. Unter dem Arm trug er einen Gegenstand, der in schwarzes Wachsleinen gehüllt war. Er ging damit ans Bett und nahm sorgfältig die Hülle ab. Eine Zither kam zum Vorschein. Immer noch ohne ein Wort zu sagen langte er nach einem Stuhl, rückte ihn an den Tisch, legte auf diesen die Zither, und dann griffen diese gichtigen, abgearbeiteten Hände wahrhaftig nach den Saiten, und mit lauter Stimme begann er, sich begleitend, zu singen: Stille Nacht, helige Nacht . . . Mit tiefer Stimme fiel herzhaft der Schäfer ein. Ich aber, immer noch feige, einen Ausbruch meines Gefühls befürchtend, denn das alles begann mich zu übermannen, ging hinaus, und draußen musste ich, seit langer, langer Zeit, mir Tränen trocknen.
Als ich zurückkam hatte sich die Szene verändert. Da saßen sie beide am Tisch, jeder mit einem Gefäß voll Punsch vor sich. Der Waldhüter stand auf, mit beiden Händen presste er meine Rechte, das war sein Dank. In den Augen des Schäfers wachte der Schalk auf: "Dat is all' so".
Um neun Uhr gingen der Schäfer und ich. Er wollte noch zum Schlösschen hin, um dort das junge Ehepaar zu besuchen, denn sie hätten ihn sehr gebeten. Auch dort sahen wir schon durch die Fenster den hellerleuchteten Baum. Der Alte wollte durchaus, ich sollte mit hinein kommen. Mit Mühe machte ich mich frei, ich konnte nicht anders, und ich wanderte stracks nach Hause. Hier bin ich denn.
Es ist eine Nacht wie alle Nächte. Es ist keine Nacht wie alle Nächte! Es ist eine heilige . . . . . Halt, halt, was ruft um mich? Was wacht um mich auf in diesen Nächten, die die heiligen heißen? Heute ja beginnen sie wenn es zwölf von den Türmen hallt.
Und der Zeiger rückt, und es schnarrt und surrt im Gewerk.
Es knackt und kracht . . . springt auf!
Alle guten Geister . . .
Nein, Mut! Hochauf . . . Kommt!

von Paul Eberhardt


( Das deutsche Weihnachtsbüchlein 1919)






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