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Weihnachten, die Zeit des Jahres, in der man es sich Zuhause so
richtig gemütlich machen kann. In warmer Wolldecke verpackt und mit Kakau
und Weihnachtskeksen eingedeckt, kann man so richtig entspannt den
Weihnachtsmärchen und Weihnachtserzählungen aus längst
vergangenen Tagen lauschen. Hier ein Märchen von Ludwig Seidel - Zu
Weihnachten-
Viel Freude beim Lesen |
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Zu Weihnachten
Ich habe
viele Weihnachtsbäume gesehen in meinem Leben, aber keiner gefiel mir so
gut und gefällt mir mit jedem Jahre besser, als der Baum, den ich meinen
Kindern aufrichte. Gewiß waren es selige Tage, da man mit seinem kleinen
kindlichen Herzen noch an Wunder und Zeichen glaubte, wo im Advent noch Engel
an die Fenster pochten und in der Stube, durch welche sie geflogen,
Tannenzapfen und Stücke von Rauschgold zurückließen, bis
endlich das Knäblein von Bethlehem als Heiland der kleinen Kinder sich
persönlich ins Haus bemühte, um mit freigebiger Hand die Fülle
seiner Gaben auszubreiten. Freilich hielt solche arglose Gläubigkeit,
zumal in Ländern mit Schulzwang, nicht lange vor. Der Schulmeister ist der
geborene Feind jeder Romantik und sein ABC die schwarze Kunst, welche Himmel
und Hölle zwingt. Wie tief mußte der unbeschränkte Kredit, den
man der alten Firma Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist geschenkt,
erschüttert werden, wenn eines schönen Weihnachtsabends ein freches
Schuljungen-Auge an dem ledernen Hanswurst den Preiszettel mit dem Stempel:
»Simon Mayer und Sohn« entdeckte und entzifferte? Wer lesen kann,
ist schon halb des Teufels, und vollends wer schreibt, der gehört ihm mit
Haut und Haar. Und doch wandelt uns die Aufklärung nicht völlig um,
denn während sie uns die unklaren Vorstellungen zerstört, rührt
sie kaum an die dunklen Empfindungen, aus welchen jene Vorstellungen
hervorgegangen. Sie nimmt den Zahn und läßt die Wurzeln stehen. So
kann es denn auch geschehen, daß sonst nüchterne Männer, die
bereits das Schwabenalter überschritten haben und dem kirchlichen
Weihrauch gründlich abhold sind, durch den Duftfaden einer
ausgelöschten Wachskerze oder den Geruch eines angebrannten Tannenwedels
in eine Strömung des Empfindens hineingezogen werden, die sich von dem
Ergusse religiöser Gefühle nicht allzu weit entfernt. Und solche
Gefühlsweise begleitet uns in die Fremde und erwacht hier um die
Weihnachtszeit mit doppelter Lebendigkeit. Der Weihnachtsbaum der Fremde findet
uns als ein sehnsuchtsvolles, dummes Kind. Kein trübseligeres Los, als in
fremder Stadt die Gassen einsam durchwandeln und ohne gemütliche Beziehung
mit ansehen zu müssen, wie in den Fenstern ein Baum nach dem andern
aufleuchtet und wieder finster wird, als ob uns das alles nichts anginge. Daher
segnen wir die guten Menschen, die den Junggesellen an ihrer Weihnachtsfreude
teilnehmen lassen, ihm auf Augenblicke eine Familie vortäuschen. Wohl wird
ihm die Täuschung fühlbar werden, und seine Gedanken werden, die
Illusion der Gegenwart überspringend, zurückschweifen in die Kindheit
und das Elternhaus; er gedenkt vielleicht einer geliebten toten Mutter, eines
alternden Vaters, der Geschwister, die Liebe oder anderes Schicksal nach allen
Winden zerstreut hat. Anders als früher treffen sein Auge die funkelnden
Lichter des grünen Lustbaumes; sie brechen sich in dunkleren Farben nach
innen, der Ernst des Lebens, seine wechselnden Geschicke tauchen am Horizont
der Seele auf. Er ist nicht mehr Kind, und er hat noch keine Kinder. Erst wenn
er das geliebte Weib heimgeführt, wenn sie ihm Pfänder der Liebe
geschenkt, dann blüht ihm eine zweite Jugend zu, und er wird wieder mit
vollem Verständnis vor dem Weihnachtsbaum stehen. Die Welt ist ihm
freilich mittlerweile klar geworden. Der Himmel hat sich ihm zu einem
unendlichen Spielraum natürlicher Kräfte erweitert, aber
lächelnd und nicht ohne Rührung sieht er die religiösen
Vorstellungen als Spielzeug in den Händen seiner Kleinen. Den
Weihnachtsbaum durch die Augen dieser kleinen Weltbürger zu betrachten,
ist das seligste Vergnügen, und darum gefällt mir von allen
Weihnachtsbäumen gerade der Baum am besten, den ich meinen Kindern
aufrichte.
Ja, Weihnachten ist der große Kindertag des Jahres,
und es ziemt sich wohl eine Betrachtung darüber, was uns diese kleinen
Geschöpfe sind. Ich möchte Frauen darüber befragen, denn sie
stehen den Kindern um so viel näher als wir, daß wir doch immer ein
wenig uns ähnlich ausnehmen, wie der gute Joseph, der die Gruppe der
heiligen Familie bilden hilft. Aber vielleicht stehen die Frauen den Kindern
allzu nahe, sind in einem gewissen Sinne selbst zu viel Kinder, als daß
sie über ihre eigene Sache beredsam werden könnten.Der Mann nimmt
sich auch hier wie anderwärts das Wort heraus. Nun sprudeln dem Manne zwei
lebendige Quellen der Verjüngung: die Frauen und die Kinder, zu welchen
ich als dritte noch die Tiere, als die ewig minderjährigen Geschwister des
Menschen, zählen möchte. Die Frauen zu preisen, zu wiederholen,
daß sie die geborene Liebe und Anmut, daß sie Heldinnen sind im
Ertragen von Leiden und in der selbstlosen Hingabe und Aufopferung, wäre
ein eitles Beginnen, da der Preis der Frauen durch alle Zeiten und Zungen
klingt und die Poeten heute wie gestern nicht müde werden, die
bezauberndste Erscheinung der Natur in zarten Worten und Weisen zu feiern. Das
Kind aber sitzt wie ein neuer Schmuck und Reiz der Weiblichkeit auf dem
Schoße der Mutter, und selten nimmt es der Dichter von diesem seligen
Ruhesitz auf, um es in die Arme zu schließen und es zu herzen und zu
küssen. Und doch, welche Macht übt solch kleines Gewächs
über uns aus, wie greift es ein in den Gang unseres Lebens! Es ist die
hochmütigste Täuschung, wenn wir uns erhaben dünken über
diese zapplige, vielbegehrliche Brut, denn wenn wir es genau überschlagen,
sind wir in den meisten Fällen die Kinder unserer Kinder, wenn nicht noch
schlimmer, ihre Narren. Wir glauben Kinder zu machen und werden von ihnen
gemacht, wir glauben Kinder zu erziehen und werden von ihnen erzogen. Und dies
letztere zwar in einem ganz guten Sinne. In unsere künstlichen
Verhältnisse hinein wird uns plötzlich ein so kleiner Naturbursche
geboren. Wie nackt, wie ungezogen, wie unschicklich nach unserem verfeinerten
Begriffe ist solch ein Persönchen, wie eigensinnig, wie despotisch macht
es seine Wünsche geltend! Von der Brust der Mutter nimmt es Besitz wie von
einem ewigen Menschenrechte und erfüllt die Luft mit einem Geschrei, als
ob außer ihm kein Mensch auf der Welt wäre. Aber eben dieses
unwidersprechliche Gebahren macht uns dieses kleine Ding lieb und wert; es
tritt uns als eine Natur entgegen, als ein gebieterischer Wille, dessen
Vernunft wir einsehen. Wie sich in diesem anfangs blinden Willen die
Geisteskräfte regen, wie das Auge sehend wird, das Ohr hörend, und
wie der Wunsch nach und nach das Wort findet, das ist mit jedem neugeborenen
Kinde ein neues Wunder und für den liebend beobachtenden Menschen ein
Schauspiel, dessen Reize sich niemals erschöpfen. Diese geschlossen und
sicher vordringende Natur des Kindes und diese liebevolle Versenkung in sein
Wesen machen die Tatsache begreiflich, daß nach dem Urteile der Eltern
jedes Kind das schönste und gescheiteste ist. Auch der gemeine Mann
spürt aus dem Kinde die aus einer ungeschulten, unzerstreuten Natur
entspringende Genialität heraus, und den Nüchternsten macht sein
kleines Mädchen, das nach dem Monde greift, auf Augenblicke zum Poeten.
Die Kinder machen und erhalten uns jung, und selbst der Kummer und die Sorgen,
die sie uns bereiten, idealisieren unser Leben.
Wenn wir daher
Weihnachtsbäume aufputzen und sie mit Lichtern bestecken, so tragen wir
unseren kleinen Erziehern in gewissem Sinne den Zoll unseres Dankes ab. Ich
möchte heute in viele Fenster hineinsehen und den Wetteifer des
Glückes auf den Gesichtern der Kleinen und Großen lesen; den
lärmenden Drang in kindervollen Stuben möchte ich belauschen, wie die
stillere Seligkeit von Eltern, die nur ein einziges Kind - ein
»zitterndes Glück« - ihr eigen nennen. An kranke Kinder darf
ich gar nicht denken zur Weihnachtszeit, noch weniger mag ich mir vorstellen,
daß der Tod irgendwo angeklopft und ein junges Seelchen flügge
gemacht hat. Ich kann keinen Trost bringen, wo ich ihn selbst entbehren
müßte. Aber eurer möchte ich gedenken, ihr gedrückten
Wesen, die ihr den hellen Schein der Kerzen scheut und euch in einen Winkel des
Zimmers drückt. Was ist es denn, das euch Kümmernis bereitet?
Daß du auf dem linken Bein ein wenig hinkst, du guter Junge, laß
dichs nicht anfechten; deine Beine sind gerade genug, um deine Pflicht zu
tun. Und du, mit deinen blonden Zöpfen, du verständiges Gesicht,
gräme dich nicht allzusehr, daß dir die eine Schulter verschoben
ist; du hast Humor und zugreifendes Geschick, du wirst geraden Schultern zum
Trotz einst als guter Geist des Haushaltes walten. Ihr werdet zutraulicher, ihr
Bresthaften, und kommt alle nach und nach aus dem Winkel hervor. Seht, ich habe
nichts, euch zu trösten, als guten Willen und gute Worte. Sind wir im
allgemeinen Ebenbilder Gottes, so zeigt sich in euch der verstauchte, der
verrenkte Gott. Er erträgt es, und ihr solltet es nicht ertragen
können? Wollt ihr aber wissen, welche köstlichen Geheimnisse ihr in
euren bresthaften Gliedmaßen berget, so will ich euch ein Märchen
erzählen, welches so wahr ist wie das große Märchen von der
Weltschöpfung und Weltregierung, und vielleicht wahrer, weil es sich
einfach als Märchen gibt. Zwar nicht ich selbst, so sehr ich es wollte,
habe dieses Märchen erfunden, sondern ein anderer deutscher Mann, der im
jüngsten großen Völkerkampfe vor Paris gelegen und in den
Mußestunden, die ihm seine harte Arbeit ließ, ein Bändchen
»Träumereien an französischen Kaminen« für Weib und
Kinder zusammengeschrieben hat. Ein junger Doktor der Weltweisheit aus Schwaben
hat dieses kleine Buch meinen Kindern im vorigen Sommer als Gastgeschenk
zurückgelassen. »s ischt a schöns
Büchle,« sagte er in seiner traulichen Mundart, »für das
ich begeischtert bin, und für das ich von jedem rechtschaffenen Menschen
Begeischterung fordere.« Ich ließ es mir von meinen Kindern
vorlesen, und so ist mir das Buch, in welchem neben dem sinnigen Menschen ein
arger Schalk steckt, recht ans Herz gewachsen. Ich versprach also meiner lieben
Gemeinde von bresthaften Kindern, ein Märchen daraus mitzuteilen,
muß jedoch früher von ihr Abschied nehmen, denn wer wollte mich noch
lesen, wenn der Dichter gesprochen hat? Auch fürchte ich einen Regen und
trübe Augen und mag nicht gern dabei sein, wenn Menschen gerührt
sind. Das schöne Märchen heißt also und lautet: Das kleine
bucklige Mädchen.
Es war einmal eine Frau, die hatte ein
einziges Töchterchen, das war sehr klein und blaß und wohl etwas
anders wie andere Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm ausging, blieben oft die
Leute stehen, sahen dem Kinde nach und raunten sich etwas zu. Wenn dann das
kleine Mädchen seine Mutter fragte, weshalb die Leute es so sonderbar
ansähen, entgegnete die Mutter jedesmal: »Weil du ein so
wunderhübsches neues Kleidchen anhast.« Darauf gab sich die Kleine
zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause zurück, so nahm die Mutter ihr
Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder und immer wieder und
sagte: »Du lieber, süßer Herzensengel, was soll aus dir
werden, wenn ich einmal tot bin? Kein Mensch weiß es, was du für ein
lieber Engel bist, nicht einmal dein Vater!«
Nach einiger Zeit
wurde die Mutter plötzlich krank, und am neunten Tage starb sie. Da warf
sich der Vater des kleinen Mädchens verzweifelt auf das Totenbett und
wollte sich mit seiner Frau begraben lassen. Seine Freunde jedoch redeten ihm
zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach einem Jahre nahm er
sich eine andere Frau, schöner, jünger und reicher als die erste,
aber so gut war sie lange nicht.
Und das kleine Mädchen hatte die
ganze Zeit, seit seine Mutter gestorben war, jeden Tag von früh bis abends
in der Stube auf dem Fensterbrett gesessen; denn es fand sich niemand, der mit
ihm ausgehen wollte. Es war noch blässer geworden, und gewachsen war es in
dem letzten Jahre gar nicht.
Als nun die neue Mutter ins Haus kam,
dachte es: »Jetzt wirst du wieder spazieren gehen, vor die Stadt, im
lustigen Sonnenschein auf den hübschen Wegen, an denen die schönen
Sträucher und Blumen stehen, und wo die vielen geputzten Menschen
sind.« Denn es wohnte in einem kleinen, engen Gäßchen, in
welches die Sonne nur selten hineinschien; und wenn man auf dem Fensterbrett
saß, sah man nur ein Stückchen blauen Himmels, so groß wie ein
Taschentuch. Die neue Mutter ging auch jeden Tag aus, vormittags und
nachmittags. Dazu zog sie jedesmal ein wunderschönes buntes Kleid an, viel
schöner als die alte Mutter je eins besessen hatte. Doch das kleine
Mädchen nahm sie nie mit sich.
Da faßte sich das letztere
endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie recht inständig, sie
möchte es doch mitnehmen. Allein die neue Mutter schlug es ihr rund ab,
indem sie sagte: »Du bist wohl nicht recht gescheit! Was sollen wohl die
Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen lasse? Du bist ja ganz bucklig.
Bucklige Kinder gehen nie spazieren, die bleiben immer zu Hause.«
Darauf wurde das kleine Mädchen ganz still, und sobald die neue Mutter das
Haus verlassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im Spiegel; und
wirklich, es war bucklig, sehr bucklig! Da setzte es sich wieder auf sein
Fensterbrett und sah hinab auf die Straße, und dachte an seine gute alte
Mutter, die es doch jeden Tag mitgenommen hatte. Dann dachte es wieder an
seinen Buckel:
»Was nur da drin ist?« sagte es zu sich
selbst, »es muß doch etwas in so einem Buckel drin sein.«
Und der Sommer verging, und als der Winter kam, war das kleine
Mädchen noch blässer und so schwach geworden, daß es sich gar
nicht mehr auf das Fensterbrett setzen konnte, sondern stets im Bett liegen
mußte. Und als die Schneeglöckchen ihre ersten grünen Spitzchen
aus der Erde hervorstreckten, kam eines Nachts die alte gute Mutter zu ihm und
erzählte ihm, wie golden und herrlich es im Himmel aussähe.
Am andern Morgen war das kleine Mädchen tot.
»Weine nicht,
Mann!« sagte die neue Mutter; »es ist für das arme Kind so am
besten!« Und der Mann erwiderte kein Wort, sondern nickte stumm mit dem
Kopfe.
Als nun das kleine Mädchen begraben war, kam ein Engel mit
großen, weißen Schwanenflügeln vom Himmel herabgeflogen,
setzte sich neben das Grab und klopfte daran, als wenn es eine Tür
wäre. Alsbald kam das kleine Mädchen aus dem Grabe hervor, und der
Engel erzählte ihm, er sei gekommen, um es zu seiner Mutter in den Himmel
zu holen. Da fragte das kleine Mädchen schüchtern, ob denn bucklige
Kinder auch in den Himmel kämen. Es könne sich das gar nicht
vorstellen, weil es doch im Himmel so schön und vornehm wäre.
Jedoch der Engel erwiderte: »Du gutes, liebes Kind, du bist ja
gar nicht mehr bucklig!« und berührte ihm den Rücken mit seiner
weißen Hand. Da fiel der alte garstige Buckel ab wie eine große
hohle Schale. Und was war darin?
Zwei herrliche, weiße
Engelflügel! Die spannte es aus, als wenn es schon immer fliegen gekonnt
hätte, und flog mit dem Engel durch den blitzenden Sonnenschein in den
blauen Himmel hinauf. Auf dem höchsten Platze im Himmel aber saß
seine gute alte Mutter und breitete ihm die Arme entgegen. Der flog es gerade
auf den Schoß.
(Am 25. Dezember 1872)
von Ludwig
Seidel
( Das deutsche Weihnachtsbüchlein 1919)
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