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Lustige Weihnacht





Weihnachten, die Zeit des Jahres, in der man es sich Zuhause so richtig gemütlich machen kann. In warmer Wolldecke verpackt und mit Kakau und Weihnachtskuchen eingedeckt, kann man so richtig entspannt den lustigen Weihnachtsgeschichten aus längst vergangenen Tagen lauschen.
Hier ein sehr hübsches Weihnachtsmärchen - 's Büebli- von Hermine Villinger

Viel Freude beim Lesen


's Büebli



Die Herbsferien waren zu Ende, 's Büebli mußte heim. Es stand auf der Treppe des Feldbergerhofs und schluchzte. Die Meidli kamen herbei und suchten den kleinen Mann zu trösten; die Herrin des Hauses, Fräulein Fanny, packte ihm ein mächtiges Stück Kuchen in den Rucksack.
"So," sagte die mütterliche Frau, "und jetzt laß das Weine sein, du kommst ja im Sommer wieder." "Ja, aber der Winter ist gar so fürchtig lang", stotterte das Büebli.
"Da lernt man brav in der Schul'. Und bringt ein gutes Zeugnis mit, darfst im Sommer mit dem Esel auf den Turm fahre - du allein -"
"Uh je!"machte das Büebli, und ein strahlendes Lächeln glitt über sein verweintes Gesicht. Das war ja der Traum seines Lebens - den Proviant zum Turmgasthaus hinauffahren zu dürfen, um dann im leeren Wägele im Galopp herunterzulaufen. -
Er stand wie im Traum.
"Jetzt b'hüt dich Gott!" sagte Fräulein Fanny und schob ihn die Treppe hinunter.
"Auf Wieder-Wiedersehe!" riefen ihm die Meidli nach.
Er schluchzte schon wieder.
Vor zwei Jahren hatte das Büebli zum erstenmal den Bruder auf dem Feldbergerhof heimgesucht; es zählte damals sechs Jahre. Mit offenem Munde stand er da und sah dem geschäftigen Hin- und Herrennen der Meidli und Burschen zu, von denen ein jedes wußte, was es zu tun hatte.
Denn überall, bald da, bald dort, tauchte die ruhige Gestalt der Hausfrau auf, die alles sah und hörte und mit einem Blick mehr ausrichtete, als andere mit einem Schwall von Worten.
"Schau, Büebli," sagte sie eines Tages zu dem Kleinen, der ihr im Weg stand, "immer Hand anlege, wo man kann; merk dir's."
Er ließ es sich nicht zweimal sagen, und bald sah man ihn mit dem Bruder eifrig die Bestecke putzen oder das Geschirr abspülen. Und so überll, wo es zu tun gab, half er mit; ganz still, ohne lange zu fragen, griff er zu, und esw war gar drollig anzusehen, wenn er im Eifer über seine lange, vom Bruder geliehene Schürze stolperte.
"Halt, halt," rief ihm Fräulein Fanny eines Tages nach und zog ihm die Schürze unters Band hinauf,"so ein Büebli wie du ist ja ein Segen fürs Haus!"
Der kleine Wanderer hatte die Hochebene des Herzogenhorns erreicht und setzte sich nieder, um den Imbiß in seinem Rucksack zu verzehren. Dabei hing sein Blick an dem sich lang vor ihm hinstreckenden Feldberg - dem höchten aller Berge des Landes. - Wie schön, dereinst mit dem Gefährt vom unteren Hof hinauf zur hohen, luftigen Bergspitze zu fahren! Angelegentlich verfolgte der Knabe seinen künftigen Weg mit allen dessen Krümmungen, Höhen und Tiefen. Sonst sah er nichts von der herbstlichen Schönheit ringsumher. Was ging ihn der goldgelbe Laubwald an drunten in den Tälern zwischen den dunkelbewaldeten Bergen. Nicht einmal die in wunderbarer Klarheit vor ihm aufsteigende Alpenkette würdigte er eines Blicks.
Unter ihm, tief im Tal, lag sein Heimatdorf; die grauen Schindeln der Dächer glänzten im Sonnenschein; in der letzten der niedrigen Hütten - da wohnte sein Vater.
Als das Büebli von seinen ersten Ferien vom Feldberg zurückkehrte, wie freudig war er den steilen Abstieg hinabgerutscht, dem Elternhaus zu. Drinnen aber - betroffen sah er sich um - hatte er denn vergessen, wie eng und dumpf die Stube war, in der die Seinen lebten; hatte er vergessen, daß, wenn die kalten Tage kamen, sich die Hühner und Schweine mit um den großen Kachelofen scharten und einander stießen und drängten? Vater und Brüder aber, kaum zu erkennen in dem fürchterlichen Qualm ihrer Pfeifen, zimmerten an ihren Kübeln, der Arbeit des Winters, und redeten kein Wort. Des Samstagabends kam die Magd mit dem Besen und fegte ein wenig über den vor Schmutz starrenden Fußboden hin. An die Fenster dachte sie nie; die wurden weder geöffnet noch geputzt, so daß in der niedrigen Stube ein ewiges Halbdunkel herrschte.
Die alte Person machte große Augen, als sie plötzlich das Büebli mit nassem Lappen herumgehen und bald die Fenster, bald den Tisch oder den Fußboden abwischen sah.
Den Vater wollte er belehren, daß die Schweine und Hühner nicht in die Stube gehörten.
Wie auf dem Feldbergerhof, so wollte er auch hier zum Segen des Hauses werden, allein es erging ihm wie allen, die Augen haben zum Sehen und Ohren zum Hören - er mußte Verfolgung leiden von jenen, die nicht sahen und nicht hörten. Die Seinen schauten den Bemühungen des Büebli, sie aus ihrem Schmutz und ihrer Dunkelheit zu reißen, wie etwas Feindlichem zu. Und als ihm der Vater eines Tages mit einer Ohrfeige zu wissen tat, er, das Büebli, sei nur zum Ärgernis der Seinen auf der Welt, da stand das Kind wie vor einem dunklen Rätsel.
Daß hier, bei ihm daheim, Ärgernis genannt wurde, was auf dem Feldbergerhof recht und brav war, konnte er schlechterdings nicht verstehen. Aber er begriff jetzt, warum der Bruder so selten und stets nur für ein paar Stunden nach Hause kam. Dem gefiel's auch nicht mehr in der dunklen Stube. Ach, der konnte lachen!
Wie oft hatte ihm der Bruder von der herrlichen Weihnachtsfeier drüben erzählt, wie sie alle im Festgewand um den großen mächtigen Christbaum standen und ihre Weihnachtslieder sangen - vom Kripplein mit dem Jesuskind, von Maria und Josef; wie Ochs und Eselein aus dem Stall lugten und die Hirten anglotzten, die da knieten mit hocherhobenen Händen und das Jesuskind anbeteten. "Und ein Büebli ist dabei", hatte der Bruder seinen Erzählungen hinzugefügt, "ein büebli aufs Haar wie du - "
"Wenn ich doch das Büebli wär," seufzte der Kleine, dem väterlichen Haus zuschreitend.
Bei ihm daheim gab's keine Weihnacht, kein Kripplein, keinen Baum. Am Morgen des Feiertags lagen wohl ein paar Äpfel und ein Lebkuchen auf seinem Bett, und zu Mittag gab's Suppe und Sauerkraut. Aber das war alles.
Der Kleine stand daheim herum, die Hände in den Hosentaschen. Niemand kümmerte sich um ihn, niemand leitete ihn an, dies oder das zu tun. Es war ihm vergangen, die Fenster blank zu putzen oder den Tisch; all das Schöne, das er gelernt hatte, all das Gute was er wußte, er mußte es für sich behalten und mit den Seinen in der Dumpfheit leben.
Tiefer Schnee war schon Anfang Dezember gefallen. Sehnsüchtig sah der kleine Mann seinen Brüdern nach, wie sie auf ihren Schneeschuhen auszogen und dann von den Abhängen heruntersausten mit den Burschen des Dorfes.
"Wenn ich Schneeschuh hätt', schoß es dem Büebli durch den Kopf," dann könnt' ich zum Christkindle drübe sein -"
Da kam ihm eine Idee - noch zu guter Letzt - es war die höchste Zeit.
Als die Seinen schliefen in der Nacht, holte er ein Paar Schneeschuhe herbei und bohrte beim Schein der Stallaterne so viele Löcher in das Riemzeug, bis es ihm fest um die kleinen Füße saß. Er zog sich sein Mützlein um die Ohren, wickelte sich einen wollenden Schal um den Hals und trat, die großmächtigen Schneeschuhe im Arm, vor der Hütte.
Dem Kind klopfte das Herz bis in den Hals; die Schneeschuhe an sich gepresst, lief es, was es konnte, bis es das Dorf hinter sich hatte. Dann erst wurden die Schneeschuhe angeschnallt. Im ersten Augenblick war dem Büebli beinahe verlegen zumute; wie sollte er, der kleine Kerl, der großmächtigen Dinger an seinen Füßen Herr werden? Er machte einen Versuch und lag auch gleich auf dem Rücken.
Wie er mit den unschierigen Dingern schalt! Aber vorwärts kam er doch, und die letzte Strecke ging's beinahe flott.
Nun aber kam der Aufstieg; auf einen Schritt vorwärts gab's immer zwei Schritte zurück; ein Stolpern und Fallen war's über die aus dem Schnee ragenden Tannenäste, ein Keuchen und Mühen. Endlich, die Hälfte des steilen Aufstiegs war zurückgelegt, das Kind wollte Atem schöpfen - da rutschte ihm einer der Schneeschuhe vom Fuß weg ins Tal hinab.
Das Büebli brach in Tränen aus; was blieb ihm anderes übrig - wenn er zum "Christkindl" auf dem Feldbergerhof sein wollte, mußte er seinen Schneeschuh wieder haben.
Er rutschte ihm nach und schnallte sich mit blaugefrorenen Händen die Schneeschuhe wieder an. Dabei fiel ihm ein - wenn die Brüder einen Berg hinanfuhren, machten sie den Weg im Zickzack. Einige vergebliche Versuche, und siehe da, es gelang - er erreichte die Höhe des Herzogenhorns. Schweißtriefend, atemlos stand er oben, aber "juhhe!" schrie er doch, "juchhe!" denn vor ihm stand der Feldberg, sein Ziel, seine Sehnsucht.
Ach! Und die weite weiße Welt -
Dem Büebli erlahmten die Kräfte; er war so oft mit dem Boden in Berührung gekommen, daß er wie ein lebendig gewordenes Häuflein Schnee durch die weiße Einsamkeit glitt. Er fror entsetzlich, und da er vor Müdigkeit kaum noch seine Schneeschuhe zu regieren vermochte, fing er in seiner Angst laut an zu beten.
Glühend rot versank die Sonne hinter der Feldbergspitze; die Kälte nahm zu, und eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Ruhe erfaßte das erschöpfte Kind. Aber drüben auf dem Feldbergerhof stieg der Rauch kerzengerade zum Himmel auf.
Gewiß, dort ging's jetzt hoch her, dort war jetzt alles in froher, freudiger Erregung; in wenigen Stunden brannte der Christbaum.
Vor dem Feldbergerhof hatte ein großes Schneeschuhtreiben stattgefunden; jetzt saßen die Gäste beim späten Mittagsmah, während die Wirtin, die Arme vollgroßer und kleiner Päckchen, im Bescherungszimmer aus und ein ging. Sie war eben wieder auf den Gang getreten, da pochte es an die Haustür; Fräulein Fanny öffnete und eine kleine Gestalt taumelte über die Schwelle.
"Was kommt uns denn da für ein Schneemännle?" rief die Wirtin aus, denn kein Mensch vermochte das Büebli unter seiner weißen Kruste zu erkennen.
Unfähig, einen Laut von sich zu geben, stand der Kleine da, die Schneeschuhe fest an sich gepresst. "Jetzt laß einmal vor allen Dingen deine Flügel los!" meinte Fräulein Fanny, in dem sie nach den Schneeschuhen des Büebli griff.
Da kam Leben in den kleinen Mann:"Schöne Flügel", stieß er unter Tränen hervor, "Luder sind's!" Ein großes Gelächter erschallte: "s' Büebli - Herrgott, s' Büebli!" Durch das ganze Haus ging's: "'s Büebli ist übers Herzogenhorn komme - ganz allein -"
Und die Meidli machten sich mit Bürsten und Besen über den kleinen Schneemann her. Dann trug man ihn in ein kaltes Zimmer, wo er die halberfrorenen Ohren und Hände tüchtig mit Schnee abgerieben bekam.
Fräulein Fanny löffelte ihm eine warme Suppe ein.
"Was hast auch gedacht, Büebli, den bösen Weg so ganz allein -"
"Hab' halt zum Feldberger Christkindl wolle," lallte er, "gelt, ihr wecke mich - wenn's kommt -" Er hörte nichts mehr; wohlig kam die Ruhe über ihn und die Wärme mit einem Gefühl unaussprechlichen Behagens. Wohl sah er immer noch die weiten, weißen, unabsehbaren Flächen vor sich, aber sie erweckten kein Angstgefühl mehr in ihm, denn er sah noch etwas anderes - den Baum voll glänzender Lichter, nach dem er sich so heiß gesehnt - der wunderbare Weihnachtsbaum leuchtet vor ihm her, vergoldete die ganze Welt und führte ihn dicht vors Kripplein, in dem das liebe Jesukind lag; Maria und Josef waren auch da, und aus dem Stall lugten Ochs und Eslein. Ringsum aber knieten die Hirten und huben die Hände zum Jesukind auf und beteten mit lauter Stimme.Und unter ihnen der kleine Hirte, der allerkleinste, mit den großen Schneeschuhen im Arm, war das nicht er selbst, 's Büebli, noch weiß vom Schnee mit blaugefrorenen Händen und roten, weit abstehenden Ohren? -
Freilich mußte er's sein, denn fragte ihn nicht das Jesukind, indem es auf seine Schneeschuhe deutete: "Sind das deine Flügel, Büebli?"
"Schöne Flügel," gab er zur Antwort, "Luder sind's - "
Da wurde die Tür aufgerissen, und der Bruder stand auf der Schwelle: "Wach auf, wach auf, Büebli, 's Christkindl ist da!"
Er fuhr auf, und rieb sich die Augen.
Ein heller Lichtstrom flutete in die Stube, und durchs ganze Haus tönte es laut und mächtig:

"O du selige, o du fröhliche
Gnadenbringende Weihnachtszeit."

von Hermine Villinger


( Das deutsche Weihnachtsbüchlein 1919)






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