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Weihnachtsgedanke





Weihnachten, die Zeit imJahr,in der sich so manche Weihnachtserinnerung aus der Kindheit ins Erwachsenenleben schleicht. Ganz heimlich, man merkt es kaum und plötzlich legt sich ein zartes Lächeln aufs Gesicht und ein Schmunzeln verziert die Mundwinkel. Diese Weihnachtsheimlichkeiten, diese Aufregung am Heilig Abend. Ein letztes Bitten und Betteln - den Blick gen Himmel gerichtet - vielleicht hat das Christkind mich ja reich bedacht!

Hier stelle ich euch den Weihnachtstext -Die Legende vom Tannenbaum - von Marx Müller zur Verfügung

Viel Freude beim Lesen


Die Legende vom Tannenbaum



In der Bergpredigt, wie bei Matthäus zu lesen,
Ist auch von Bäumen die Rede gewesen.
Der Heiland hatte gesagt, daß Feigen
Nicht reifen können auf Distelzweigen,
Daß Trauben nicht wachsen am Dornenhage
Und daß der Baum, der nicht Früchte trage,
Zu gar nichts wert erscheine auf Erden,
Als abgehau'n und verbrannt zu werden.

Und als Er geendet, da ist schon bald
Ein Streiten entstanden im nahen Wald.
Die Disteln, welche die Rede gehört,
waren über die Maßen empört
und haben so recht überlegen gesagt:
"Wir haben noch immer den Eseln behagt."
Die Dornen reckten die scharfen Spitzen
Und sagten: "Das lassen wir nicht auf uns sitzen."
Die gelben, aufgedunsenen Feigen
Zeigten ein sattes, blasiertes Schweigen,
Und die Trauben blähten sich gar nicht schlecht,
Und knarrten geschwollen:" So ist es recht!"

Nur ein zierlicher Tannenbaum
Stand verschüchtert, rührte sich kaum,
Horchte nicht auf das Rühmen und Klagen;
Hat sich still und bescheiden betragen
Und dachte und dachte in einem fort
An des Heilandes richtendes Wort.
Er fühlte sich ganz besonders getroffen;
Er hatte kein Recht, auf Gnade zu hoffen;
Die erste Axt mußte ihn zerschlagen;
Er wußte nur Tannenzapfen zu tragen;
Früchte hatte er nie gebracht.
Das hat ihn niedergeschlagen gemacht.

Als sich nun aber die Sonne versteckte
Und tiefes Dunkel die Erde deckte,
Und ermüdet vom Reden und Klagen
Die anderen Bäume im Schlummer lagen,
Wollte er nichts von Ruhe wissen,
Hat die Wurzeln aus dem Erdreich gerissen,
Unbemerkt in der stillen Nacht
Hat er sich still auf den Weg gemacht,
Um zu dem strengen Heiland zu gehen
Und milderes Urteil sich zu erflehen.


Und als er nach mühseligen Stunden
Endlich den lange Gesuchten gefunden
Und ihm sein Leid recht herzlich geklagt,
Da hat der Heiland lächelnd gesagt:
"Wisse, daß seit Beginn der Welt
Ein jeglicher Fluch einen Segen enthält,
Und daß in jeglichem Segensspruch
Verborgen liegt ein heimlicher Fluch!
Den Feigen brachte nur Fluch mein Segen,
Weil sie jetzt sündigen Hochmut hegen;
Die Trauben haben mir nicht gedankt,
Sie haben sich nur mit den Dornen gezankt;
Die Disteln ließen sich nicht belehren,
Die konnten den Fluch nicht zum Segen kehren;
Du aber hast dich besser bedacht!
Du hast aus dem Fluch einen Segen gemacht!
Und dein Bittgang sei nicht umsonst gewagt!
Zwar - was gesagt ist, das bleibt gesagt!
Dein Schicksal ist jetzt nicht mehr zu trennen
Vom Abhaun' und Im-Ofen-Verbrennen,
Aber: Ich will dich erheben und ehren,
Ich will einen rühmlichen Tod dir bescheren!

Ich will dir das köstlichste Ende bereiten!
Dein Opfertod soll Segen verbreiten!
Kein Winterschlaf soll dich traurig umschließen!
Du sollst ein doppeltes Leben genießen!
Und auf deinen zierlichen Zweigen
Sollen die schönsten Früchte sich zeigen,
Soll man Lichter und Zierrat schau'n!
Freilich - erst wenn du abgehaun'! -
Sei wie ein Held, der für andere leidet,
Der in blühender Jugend strahlend verscheidet!
Damit dein Leben, das kurze, doch reiche,
Meinem irdischen Wandel gleiche!
Du sollst ein Bote des Friedens sein!
Du sollst glänzen wie im Heiligenschein!
Den Kindern sollst du Freude verkünden!
Den Sünder wecken aus seinen Sünden!
Gesang und Jubel soll dich umtönen!
Mein lieblichstes Fest sollst du lieblich verschönen!
So bist du von allen Bäumen hienieden
Der gesegnetste! - Zieh hin in Frieden!"

So wurde des Tannenbaums Sorgen zerstreut,
Und des Heilands Segen zeigt sich noch heut!
Die Zeit hat ihm nicht seine Kraft geraubt!
Und wer's als ungläubiger Thomas nicht glaubt,
Der braucht nur zur Weihnacht zu gehn durch die Gassen,
Da kann er's mit Fäusten greifen und fassen!


Marx Müller


( Das deutsche Weihnachtsbüchlein 1919)






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